Cruiser

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Cruiser; Serie I; Kunstharz, Stoff; Acryl

Den Urprung der Gruppe von Arbeiten, die mit dem Konzept des Cruisers zusammenhängen, war eine kleine Skulptur, die im Jahre 2000 entstand. Lexan Frye modellierte die Form eines kleinen, plastisch und stromlinienförmig wirkenden Autos. Dem fügte er die Rollen von Inlineskates als Räder hinzu. Diese wirkten in Relation zum Körper des Autos stark überdimensional. Dieser Übertreibung der Radgröße liegt die Beobachtung zugrunde, dass in den letzten Jahren die Räder der wirklichen Autos, insbesondere der Sport- und Geländewagen, immer größer und auffälliger wurden. Auf diese Weise wird die Funktion der dynamischen Fortbewegung herausgestrichen. Ein weiteres charakteristisches Merkmal der Cruiser ist, dass ihre Form aus einer Symbiose des männlichen Geschlechtsorgans und der kraftvollen, plastischen Form eines Sportwagens entstanden ist.  Durch die sich an diesen Kriterien orientierende Form und die Überdimensionierung der Räder soll ein verschwenderischer Überfluss an Kraftpotential ausgedrückt und damit ein Bezug zu einem Omnipotenzgefühl hergestellt werden, das manche Männer beim Fahren eines schnellen Sportwagens erleben können. Der Ausdruck solcher Omnipotenzfantasien durch die Form ist auch der Ausgangspunkt für den ursprünglichen Arbeitstitel „Plazentacruiser“. Omnipotenzfantasien wurzeln im Gefühl eines kleinen Kindes, „das Größte“ für seine Mutter zu sein und die Mutter als Verlängerung der eigenen Möglichkeiten in der Welt zu erleben. Auch beim Design wirklicher Autos spielt der Aspekt, die potentiellen Fahrleistungen in eine schnittige, kraftvoll wirkende Form zu übersetzen, eine wichtige Rolle.  Zu bemerken ist auch, dass der Cruiser konsequenterweise nur Platz  für einen Fahrer bietet. Daher ist er nur geeignet für Singles. In einer Gesellschaft, in der viele Menschen dazu neigen,  in frühkindliche Omnipotenzfantasien zurückzufallen (vgl. Robert Bly; „Die Kindliche Gesellschaft“), finden sich immer weniger zusammen, um eine ernsthafte Partnerschaft zu leben.

Autofahren erinnert an die gleichzeitige Präsenz eines Gefühls der Geborgenheit, die ein Embryo im Bauch der Mutter empfinden mag, und der eher dem Prinzip des phallischen Erlebens zuzurechnenden Lust an der Geschwindigkeit und eines Bedürfnisses, sich fortzubewegen und sich die Welt zu eigen zu machen. Das postplazentale Mobil, zu dem der Fahrer idealerweise in einer Mensch-Maschinen-Symbiose verbunden ist, schützt ihn vor „Wind und Wetter“. Der Fahrer wird unterstützt und unterhalten von einem CD-Player, Radio, Mobiltelefon und der Stimme des Navigationssystems. Er kann zur Nahrungsaufnahme in Drive-in-Restaurants fahren und muss dafür noch nicht einmal aus seiner „zweiten Haut“ aus Blech, Kunststoff und Glas schlüpfen. Man könnte diese Versorgungskanäle als Nabelschnüre zur Welt bezeichnen. Der schützende Raum im Inneren eines Autos kann auch gemeinsam bevölkert werden wie eine Plazenta, die Zwillinge, Drillinge und Vierlinge aufnehmen kann. Die Fahrt kann so als Ziel erlebt werden, das man gemeinsam anstrebt.. Man befindet sich in einem Raum, in dem es gleichzeitig möglich ist, sich geborgen zu fühlen und die Welt zu sehen -als befände man sich in einem Uterus mit großen Fenstern. Man fühlt sich stark durch die Beherrschung eines kraftvollen und gefährlichen Objektes und so kann das Autofahren zu einem angenehmen „Flowerlebnis“ werden. Man ist immer gefordert, ohne überfordert zu sein. Das Autofahren fordert die Aufmerksamkeit des Fahrers und bietet deshalb eine ideale Möglichkeit der Ablenkung beispielsweise von negativen Gefühlen oder der Auseinandersetzung mit der Fragilität des Lebens. Hier sieht Lexan Frye wichtige Gründe für die scheinbar grenzenlose Begeisterung, die dem Auto von unzähligen Menschen entgegengebracht wird und die es leicht macht, negative Aspekte wie zum Beispiel die Dominanz des Autoverkehrs bei der Entwicklung der Infrastruktur, die Belastung der Umwelt und die vielen Opfer, die der Autoverkehr täglich fordert, zu übersehen.

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Cruiser Serie I; Kunstharz gefärbt, teilweise Bemalung mit Acryl, ca 7x 10 x 25 cm

Die Autos dieser ersten Serie entstanden aus verschiedenen Materialien wie z.B. Gips, Wachs, Bronze, Kunstharz und Laminat. Die aus verschiedenen Kunststoffen gefertigten Modelle wurden teilweise mit dekorativen Mustern und Symbolen versehen. Das Prinzip der mit Rollen von Inlineskates ausgestatteten Autos wurde am Europäischen Markenamt registriert.

pussy_cruiser_s2_raucher_von_vorne_oben.jpg                                                      Cruiser Serie II; Kunstharz, Acryl, Wachsfigur, ca 8 x 10x 25 cm

Im selben Jahr entstand noch eine zweite Serie der Cruisers mit einer veränderten Form. Am auffälligsten ist der Verzicht auf die außenliegenden Räder. Stattdessen hat der Cruiser der Serie II große, wuchtige Radkästen, in denen man sich versteckte Räder denken kann.  Die wichtigste Veränderung beim modifizierten Cruiser ist die stark vergrößerte Fahrerkabine, die es nun erlaubt, aus Wachs modellierte und mit Acrylfarbe bemalte Köpfe in das transparente Gießharz einzugießen.

 

Für die nächsten zwei Jahre vergaß Lexan Suess die Cruiser und widmete sich anderen Projekten. 2002 griff er das Projekt wieder auf und gestaltete ein viel größeres Auto, das auf der Form des Cruisers der Serie I basierte. Der große Cruiser bestand aus glasfaserverstärktem Kunststoff und wurde ebenfalls mit Acrylfarbe bemalt. Die Rollen der Inlineskates wurden ersetzt durch die Räder von Motorrollern, die eine zu den Skaterrollen analoge Form aufwiesen.

 

Placenta Cruiser from Lexan Suess

Großer Cruiser; Laminat mit Acryl, 70 x 100 x 150 cm

Ab 2004 enstanden Bilder, in denen der Cruiser eine zentrale Rolle spielte. Lexan Suess verwendete das Auto, dass sich als dreidimensionale Arbeit bewährt hatte, jetzt als Symbol, dass er zu verschiedenen Kontexten in Bezug setzte.

In „Verlust des Mitgefühls“ versuchen zwei Sanitäter ein verblutendes Herz mit einer Blutkonserve zu retten. Die Rettungsaktion muss allerdings misslingen, da das Blut immer wieder aus dem von Löchern durchdrungenen Herz herausfließt.

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„Verlust des Mitgefühls“ Acryl auf Holz; ca 106 x 226 cm, zweiteilig

In „Schau Mutter“ steht ein etwa vierzig- bis fünfzigjähriger, rauchender Mann lässig an die Rückseite seines Supersportwagens gelehnt. Im Hintergrund sieht man eine Vielzahl von halbnackten Frauen, die ihn zu bewundern scheinen. Der Titel gibt darüber Aufschluß, daß der Mann seiner Mutter zeigen will, daß er es zu „was gebracht hat“. Dabei merkt er nicht, dass er nicht frei ist, solange er seiner Mutter etwas beweisen muss. In der rechten, oberen Bildecke ist eine Zeichnung von einer Mutter mit ihrem kleinen Kind sichtbar. Dies kann zusäztlich als eine Anspielung auf die Befangenheit des Mannes gedeutet werden.

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„Schau Mutter“; Acryl auf Leinwand; 120 x 100 cm; 2004/5

„Depression on dope“ zeigt eine Szene auf einem Straßenstrich. Ein Freier fährt mit seinem Cruiser vor und fragt eine Prostituierte nach ihren Preisen. Im Mittelpunkt des Bildes befindet sich eine andere Prostituierte, die einen undurchdringlichen Blick zum Betrachter aufnimmt. Sie schützt ihren Oberkörper, indem sie ihren Pelzmantel vor der Brust zusammenzieht. Dabei wird aber der Blick auf ihre Scham frei.  Sie wird für den Betrachter gleichzeitig einerseits zu einem Objekt für seinen voyouristischen Blick und andererseits zu einer Person, die ihn gleichzeitig bei  der Verführung zu diesem Blick in den Intimbereich ansschaut. In der linken Bildhälfte befindet sich ein von der Straßenstrichszene abgetrennter Bildbereich mit dem Untertitel „Battlefield of love“.  In einer transparenten Blumenvase tummelt sich eine Gesellschaft aus Männern und Frauen in der Sinnwelt der Liebe. Die einen sind wohlauf, während man andere im Zustand der Erschöpfung oder Gebrochenheit vorfindet.

Depression on Dope by Lexan Suess

„Depression on dope“; Acryl auf Leinwand; 110 x 200 cm, 2006

„Kinga“ hat sich in ihrem gekrönten Cruiser als Queen empfunden bis zu dem Zeitpunkt, als sie im Stau stehend mit Schrecken einen anderen Cruiserfahrer erblickt, der auch ein bekröntes Dach hat. Die Krone ist Ausdruck des eitlen Selbstgefühls, das bei vielen Menschen unverhohlen zum Vorschein kommt, sobald sie hinter dem Steuer Platz genommen haben. Die Annahme der Eitelkeit bestätigt sich besonders im Fall ihrer Verletzung. Viele Autofahrer reagieren ausgesprochen agressiv, wenn ihnen beispielsweise die Vorfahrt genommen wird. Wenn gar ein Kratzer in den Lack kommt, kann man einen Zustand zwischen Sentimentalität und Wut erleben. Viele Autofahrer scheinen in diesem Moment den Unterschied zwischen ihrem Fahrzeug und ihrem Körper zu vergessen und man kann ihre Reaktion durchaus mit der eines Hypochonders vergleichen. Wenn man als Beifahrer in einem Auto durch die Stadt fährt, bekommt man  in vielen Fällen das Gefühl, man sitze neben dem einzigen Menschen, der in dieser Stadt wirklich autofahren kann. Alle Anderen sind Arschlöcher, die Ihren Führerschein im Lotto gewonnen zu haben scheinen. Das beim Autofahren erlebte Größengefühl, das Gefühl Menschen überlegen zu sein, die die Öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, hilft auch, den durch Staus und Parkplatzsuche verursachten, demütigenden Zeitverlust aus seiem Bewußtsein zu streichen. Beim massenhaften Auftreten des Autofahrens droht das heilige Mobil zur Immobilie zu werden.

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Kinga; Acryl auf Papier, 105 x 212,5 cm; 2006

Das Bild „Presentation“ zeigt den Künstler bei der Präsentation seines Cruiserprojektes. Anhand einer mit einem Beamer an die Wand projezierten Aufsicht des Cruisers veranschaulicht er die Rolle, die das männliche Geschlechtsorgan bei der Gestaltung der Form des Autokörpers gespielt hat. Vor der Fahrerkabine, am Ort des Motors befindet sich das Zentrum der phallischen Omnipotenzprojektion. Während die meisten Anwesenden interessiert der Veranstaltung beiwohnen, verlässt eine Frau mit errötetem Gesicht den Saal.

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Presentation; Acryl auf Holz; 150 x ca 120 cm, 2006

Das Bild „Race“ zeigt den Cruiser als Kinderwagen. Im rechten Abschnitt des Bildes bestreiten Mütter, ihre Kinder vor sich herschiebend, ein Rennen, dessen kurvige Strecke an einer Küste entlang führt. Im linken Bildteil verwandelt sich die Straße in eine Schlange, die einem traurigen, auf dem Rücken liegenden Mann etwas in Ohr flüstert. Ungefähr in der oberen Bildmitte befindet sich ein Fenster, in dem die Siegerehrung des Rennens gezeigt wird. Auf dem Treppchen stehen die symbiotisch mit ihren Autos verbundenen Kinder,  nicht die Mütter, die die Leistung in dem Rennen erbracht haben.

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„Race“; 120 x 200 cm, Acryl auf Leinwand; 2005

In der Arbeit „Trixter“ sind drei Männer zu sehen, die um die Gunst einer attraktiven, überdimensionalen und bewaffneten Frau zu werben scheinen. Der erste versucht ihr die Attrappe eines Herzens näherzubringen. Die Frau entlarvt sein „Mamaprogramm“ schnell und zielt mit ihrer Pistole auf ihn. Beim zweiten, der es mit einem attraktiven Auto versucht, ist ihre Reaktion noch ungewiss. Am vorderen Bildrand zeigt ein Künstler dem Betrachter seinen Pinsel und seine Palette. Aus seiner Kopfhaut wachsen spitze Pinselhaare, die wie die Hörner eines Teufels wirken. Er hat sich wohl vorerst von der Frau abgewendet und konzentriert sich auf seine Arbeit. Ob es ihm etwas nützt, bleibt ungewiss. Die Arbeit „Trixter“ ist als eine Metapher für die erstarkte Rolle der Frau in unserer Gesellschaft zu sehen, der die Männer noch nicht viel entgegenzusetzen haben. Unter dieser Situation leiden beide Seiten.

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„Trixter“, Acryl auf Leinwand, 130 x 200 cm; 2006

Auch die Arbeit „Lustmeile“ bezieht sich auf das Spannungsfeld zwischen den Geschlechtern in unserer Gesellschaft. Eine überdimensional dargestellte Frau liegt nackt und entspannt auf dem Rücken. Um sie herum windet sich eine kurvige Straße, auf denen Cruiser unterwegs sind.  Anstatt von Männern sitzen aber „nette Hunde“ am Steuer der Sportwagen. Die Frau verfügt mit Hilfe einer Schranke über die Macht, weitere Cruiser auf die Strecke zu lassen oder nicht. Der vor der Schranke stehende Insasse schaut die Frau als Hund an, der um seinen Einlass auf die Meile des Vergnügens bettelt. Die Hoffnung auf sinnlichen Lustgewinn läßt ihn seine gleichrangige Position gegenüber der Frau aufgeben, so dass er sich mit der Unterwürfigkeit eines Hundes gebart. An Brüsten und vor dem Schambereich der Frau kommt es zu Stockungen des regen Verkehrs aber gleichzeitig bleibt der „Verkehr“ aus. Auch die starke Frau, deren Schönheit vordergründig bewundert wird, geht letztendlich leer aus und ist allein. Ihr fehlt ein ebenbürtiges Gegenüber. Den Hintergrund des Bildes bildet ein riesiger Bildschirm mit elektronischen „Windows“, auf denen die im Medium des Netzes allgegenwärtigen kleinen Ferkeleien zu sehen sind.

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„Lustmeile“; 140 x 200 cm; Acryl auf Leinwand

In „Queen of Immobile Masses“ erhebt sich eine gewaltige Straße über eine große Siedlung aus stereotypen Häusern. Auf der einspurigen, geschwungenen Straße sieht man Massen von Autos im Stau. Alle Autos haben eine Krone auf dem Dach. Die Schlange aus Autos verwandelt sich in eine richtige Schlange, die triumphierend eine Krone auf dem Haupte trägt und die in Anlehnung an die gängige Deutungen von Schlangenträumen die Andeutung einer erotischen Dimension nicht verleugnen kann. Im Stau werden die Mobile trotz ihrer Ausstrahlung von verschwenderischer Kraft und Schnelligkeit zu Immobilien, nichts anderem als die Häuser unter ihnen.

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„Queen of immobile masses“; Acryl auf Leinwand; 150 x 240 cm; 2006 (Abbildung der fertiggestellten Arbeit wird noch gopostet)

In „Unfall“ ist eine junge Frau von einem Cruiser angefahren worden. Der Fahrer und Verursacher des Unfalls steht unbeteiligt und rauchend neben seinem Auto und scheint nicht zu wissen, wie er reagieren soll. Ein streunender Hund und ein Polizist hingegen wissen allerdings, wie sie die Situation zu ihrem Vorteil nutzen können. Der Polizist fotografiert unter dem Vorwand einer Aufnahme des Tatbestandes die Verletzte eindeutig grenzüberschreitend. Die Seitentafeln zeigen eine Menge von Schaulustigen.

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Unfall; Acryl auf Leinwand, 150 x 420 cm 2006/7

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